Tendenzen Energiewende

Ein sicheres Netz

Die IG BCE begleitet die Energiewende lösungsorientiert. Dazu gehört, Strategien
für Energiesicherheit und Sozialverträglichkeit zu entwickeln. Deutschland braucht beim Umbau der Stromversorgung mehr Flexibilität – und keine unverrückbaren Vorfestlegungen.

Marianne Blais/iStockphoto

01.11.2018
  • Von: Daniel Behrendt

Zweifellos werden außerordentliche Anstrengungen unternommen werden müssen, um den Klimawandel aufzuhalten. Die IG BCE bekennt sich ausdrücklich zu dieser Verantwortung, mahnt zugleich aber Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit bei der Umsetzung der Energiewende an. Denn das ambitionierte Ziel des Pariser Klimagipfels von 2015 – Begrenzung der Erderwärmung auf maximal zwei, nach Möglichkeit 1,5 Grad Celsius – wird nur durch eine Vielzahl ineinandergreifender Maßnahmen zu erreichen sein, die spürbare Auswirkungen auf die Industrien und die Energieversorgung in Deutschland haben werden.

»Angesichts unseres überschaubaren Anteils am weltweiten CO2-Ausstoß von gerade einmal zwei Prozent sollte bei der Energiewende Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehen. Schließlich wollen wir nicht abschreckendes Beispiel, sondern internationales Vorbild sein«, forderte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis jüngst auf der Standortkonferenz Lausitz. Das von der IG-BCE-Stiftung Arbeit und Umwelt organisierte Format brachte in Cottbus rund 100 Vertreter aus Wirtschaft und Politik zusammen, um den durch die Energiewende bedingten Strukturwandel in der vom Braunkohlentagebau geprägten Region – aber auch darüber hinaus – in Hinblick auf Herausforderungen und Zukunftsoptionen zu diskutieren. Ein roter Faden, der sich durch alle Beiträge des hochkarätigen Rednerpodiums zog – darunter die Ministerpräsidenten Brandenburgs und Sachsens, Dietmar Woidke (SPD) und Michael Kretschmer (CDU): Die Energiewende steht nicht zur Debatte, sehr wohl aber Vorgehen und Zeitplan beim Auslaufen der Kohleverstromung. Sich heute schon auf konkrete Daten dafür festzulegen, ergibt wenig Sinn, wenn man die Energiewende, wie von Michael Vassiliadis wiederholt gefordert, »mit maximaler Vernunft« umsetzen will.

Klar ist: Die Zeit drängt, wenn man für die betroffenen Reviere einen unkontrollierbaren Strukturbruch vermeiden will. Am Beispiel der Lausitz diskutierte die Standortkonferenz mögliche Maßnahmen, um betroffene Regionen attraktiver zu machen – darunter die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen, die Investoren rechtliche und administrative Erleichterungen gewähren und so als Jobmotoren fungieren könnten. Allein für die Lausitz würde das Ende der Braunkohle eine Wertschöpfungsausfall von jährlich 1,5 Milliarden Euro bedeuten. Um das wettzumachen, müsste in den nächsten 30 Jahren pro Jahr mindestens ein Unternehmen mit 50 Millionen Euro Umsatz in die Region kommen – was deutlich macht, vor welcher Herkulesaufgabe die Braunkohlenreviere stehen. Energiesicherheit ist die zweite große Herausforderung. 65 Prozent der Energieversorgung sollen nach Willen der Bundesregierung bis 2030 aus den Erneuerbaren gedeckt werden, 2050 soll Deutschland schließlich CO2-neutral sein. Ein Ziel, das man angesichts des zügig wachsenden Anteils gerade der Windenergie am Energiemix, durchaus für realistisch halten könnte – wenn es nicht einen entscheidenden Flaschenhals bei der Energieversorgung gäbe: das Stromnetz.

Denn mit wachsendem Anteil an Erneuerbaren steigen die Herausforderungen an Stromlieferung und Netzstabilität. Zum einen wird Strom über deutlich weitere Strecken transportiert werden müssen als heute – etwa von den Offshore- Windparks in Nord- und Ostsee in den energiehungrigen Süden der Republik. Außerdem werden die Ansprüche an Netzqualität und Stromspeicherkapazitäten steigen, da zum einen Energie aus Wind und Photovoltaik nicht gleichmäßig verfügbar ist, zum anderen die durch die heutige Kraftwerkinfrastruktur gegebene Stabilisierung des Stromnetzes sinken wird. Insgesamt über 7500 Kilometer Stromleitungen müssen nach Berechnungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie im Übertragungsnetz neu gebaut oder optimiert werden, um die Energiewende versorgungssicher zu schultern. Bislang hat nur ein Bruchteil der erforderlichen Maßnahmen stattgefunden.

Eine besondere Rolle beim Netzausbau spielen die sogenannten Höchstspannungsgleichstrom- Übertragungsleitungen, die gigantische Strommengen quer durch die Republik liefern sollen. Seit Jahren entzünden sich massive Bürgerproteste an diesen Stromtrassen. Pläne, die Leitungen statt wie ursprünglich geplant überirdisch nun unterirdisch zu verlegen, haben den Konflikt ein wenig besänftigt. Dafür werden die Erdkabel den Ausbau des Stromnetzes voraussichtlich massiv verteuern – Schätzungen zufolge kosten sie drei bis acht Mal so viel wie Freileitungen.

Die Energiewende braucht nicht nur Windräder. Sie verlangt nach einer Infrastrukturmodernisierung, die eine verlässliche Energieversorgung sichert – und damit den Industriestandort Deutschland. Diese Schlüsselfrage will Michael Vassiliadis auch mit Nachdruck in die Kommission »Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung« einbringen. »Ich bleibe dabei: Die Frage der Versorgungssicherheit hat höhere Priorität als ein konkretes Ausstiegsdatum«, sagt der IG-BCE-Vorsitzende und ergänzt: »Je schneller es uns gelingt, den Netzausbau voranzubringen und belastbare Perspektiven für die Reviere zu schaffen, desto früher können wir raus aus der Braunkohle. « Die nötige Zeit und Flexibilität dafür ist da: Nach aktuellen Prognosen wird die Energiewirtschaft die Klimaziele 2020 und 2030 auch ohne politische Eingriffe quasi punktgenau einhalten.

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