Interview

„Solidarität ist und bleibt die Konstante“

Professor Wolfgang Schröder spricht im kompakt-Interview über die Zukunft der Gewerkschaften und die mit dem Strukturwandel verbundenen Herausforderungen und Chancen. 

Foto: Andrea Vollmer

Prof. Wolfgang Schroeder ist Politikwissenschaftler an der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Strukturwandel der Arbeitswelt und den Gewerkschaften. Er ist außerdem Research Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und gehört der Grundwertekommission der SPD an.
03.04.2018
  • Von: Isabel Niesmann
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In den vergangenen Jahren hat es einen grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt gegeben. Wie haben Gewerkschaften darauf reagiert?
Die sichtbarste Reaktion der Gewerkschaften waren die Fusionen. Außerdem haben sie angefangen, ihre inneren Strukturen zu reformieren und ihre Inhalte stärker an die veränderten Bedürfnisse der Beschäftigten anzupassen. Dazu zählen tarifliche Inhalte, wie flexible Arbeitszeiten zugunsten der Beschäftigten, Vereinbarkeit und Qualifikation. Das Geschäft der Gewerkschaften wird nicht nur schwieriger, sondern sie müssen mehr kooperieren und sich besser vernetzen. Dies ist auch wichtig, um neue Formen des Wettbewerbs zwischen Gewerkschaften zu verhindern.

Im Zuge der Digitalisierung ändert sich die Arbeitswelt erneut radikal. Was ist die Hauptaufgabe der Gewerkschaften in diesem Prozess?
Gewerkschaften müssen Sicherheit und Perspektive in den Prozess hineinbringen. Da sich mit der Digitalisierung die Fragen der Arbeitszeit, der Vereinbarkeit, des Gesundheitsschutzes, der Datensicherheit, der Leistungsbemessung und der Qualifizierung noch einmal anders als in der klassischen Industrie stellen, müssen Gewerkschaften sich dafür passend aufstellen und verstärkt selbst vernetzen. Insofern ist eine zentrale Antwort der Gewerkschaften auf die Digitalisierung, dass sie sich selbst stärker als Netzwerkorganisation begreifen.

Gewerkschaften haben in den vergangenen Jahren einen Mitgliederrückgang zu verzeichnen. Was gibt es für Methoden, neue Mitglieder zu gewinnen?
Gewerkschafter zu sein, wird in der Regel nicht mehr vererbt und es ergibt sich auch nicht automatisch. Mitglieder gewinnt man nicht nebenbei. Wissenschaftliche Studien über Nichtmitglieder, deren Lebenslage und Bedürfnisse sind notwendig, um anhand von Einzelschicksalen, Situationen und Bedarfen ein umfassenderes Bild zu ermitteln. Man muss den Betroffenen klarmachen: Solidarität ist nicht kostenlos. Solidarität kostet etwas und ihr müsst etwas dafür tun. Da muss man überzeugend sein. Das ist ein gewisser sozialer Tausch notwendig. Ihr werdet Mitglied, wir werden stärker. Wir können euch mehr geben. Weil wir euch mehr geben können, könnt ihr mehr profitieren.

Wie sollen die Gewerkschaften in Zukunft mit diesen Entwicklungen umgehen?
Solidarität ist und bleibt die Konstante der Gewerkschaftsarbeit. Gewerkschaften haben ein riesiges Potenzial von Nichtmitgliedern, die sie gewinnen können, wenn sie sich besser auf deren Bedürfnisse einstellen. Deshalb ist es so wichtig, dass sie die Mitgliederpolitik zu einem eigenen starken Politikfeld ausbauen, mit eigenen Ressourcen, Regeln und Verantwortlichkeiten. Zu einer systematischen Mitgliederarbeit gehört auch, dass man Mitglieder direkter beteiligt –  im Sinne direkter Demokratie. Regelmäßige Mitgliederumfragen sind wichtig, um ihre Vorlieben aufzunehmen. Das gilt sowohl für die Aufstellung von Tarifforderungen wie auch für die Akzeptanz von Tarifverträgen. Da der Kapitalismus rauer geworden ist, werden mehr Konflikte entstehen. Daher müssen die Betroffenen an den notwendigen Entscheidungen zur Herstellung kollektiven Handelns beteiligt werden. Allerdings muss man sich genau überlegen, wie man dies angeht. Man sollte mehr Demokratie wagen, ohne die repräsentative Demokratie zu gefährden.

Die kompakt-Mitarbeiterinnen Isabel Niesmann und Melanie Winkelmann im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Wolfgang Schroeder.

Wie sollen Gewerkschaften auf das Problem der zunehmenden rechtsorientierten Kandidaturen in Betrieben antworten?
Das ist weder ein neues noch ein zahlenmäßig bedrohliches Problem in der Arbeitswelt. Aber diese Einschätzung sollte uns nicht beruhigen. Denn es besteht die Gefahr, dass nach der Parlamentarisierung des Rechtspopulismus nunmehr erfolgreich versucht wird, populistische Denkweisen, Haltungen und Personen in wichtigen gesellschaftlichen Feldern zu verankern. Wir können schon seit einigen Jahren beobachten, wie rechtsorientierte Initiativen in der Welt des Sports, der Arbeit, der Kultur, der Wohlfahrtsverbände und der Kirchen hineinwirken, um dort Positionen aufzubauen. Dabei geht es darum in strukturbildenden gesellschaftlichen Bereichen, die für das Denken und Zusammenleben der Gesellschaft maßgeblich sind, politische und kulturelle Rechtsverschiebungen zu propagieren. In der Arbeitswelt zeigt sich diese Entwicklung durch die Zunahme von rechtsorientierten Kandidaturen in Betriebsräten. Es ist notwendig, dass die DGB-Gewerkschaften ihre eigenen Mitglieder sensibilisieren. Es sollte jedoch alles vermieden werden, was zu einer Aufwertung dieser Gruppen als Opfer beitragen könnte. Betriebsräte gestalten, schützen und wachen darüber, dass Fairness in der Arbeitswelt Realität ist. Dazu gehört auch der Schutz von Minderheiten: Aber wenn die Anerkennung gleicher Freiheit nicht akzeptiert wird und fremdenfeindliche und rassistische Positionen vertreten werden, dann muss dies auch scharf kritisiert werden.

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